Active ageing, das neue Trendwort – mit doppeltem Boden.

Wer will schon gern als alt gelten? Denn alt zu sein wird oft als Makel empfunden. Um sich davon abzugrenzen, bezeichnen sich die heutigen 60-Plusser viel lieber »junge Alte«.

Von diesen jungen Alten kann man aber auch etwas fordern: Active ageing – aktiv altern – ist das neue Trendwort.

Als die Weltgesundheitsorganisation WHO 2002 diesen Begriff prägte, hatte sie einen »Prozess der Optimierung der Möglichkeiten der Menschen, im zunehmenden Alter ihre Gesundheit zu bewahren, am Leben ihrer sozialen Umgebung teilzuhaben und ihre persönliche Sicherheit zu gewährleisten, um derart ihre Lebensqualität zu verbessern«[i] im Auge, befasste sich mit einer Verbesserung der Situation der Alten und zielte auf eine Ausweitung der Lebensqualität aller Menschen ab, auch derer, die schwach, behindert und pflegebedürftig sind. »Sozialpolitische Maßnahmen, die sich ausschließlich am biologischen Alter orientieren, können leicht diskriminierende und kontraproduktive Auswirkungen auf das Wohlbefinden älterer Menschen haben«. Wurden ältere Menschen bis dahin primär als passive Objekte betrachtet, die ohne Hilfe und Unterstützung nicht mehr lebensfähig seien, sollte die neue Sichtweise ihr Recht auf die Gleichheit an Chancen und Behandlung in allen Lebensbereichen betonen.

Dieses ehrgeizige politische Konzept von 2012, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, eine »aktive Kultur des Alterns« einzuführen, dümpelt allerdings seither vor sich hin. Wenn in den Medien überhaupt thematisiert, beschränkt man sich auf Berichte körperlich aktiver Menschen und in der Politik scheint man sich nun darauf zu verlegen, den Begriff so zu interpretieren, dass die Menschen länger – so lang wie nur möglich – im Arbeitsleben verbleiben und mit Ende der Erwerbsphase ehrenamtliche Tätigkeiten ausüben soll, um der Gesellschaft von Nutzen zu sein.

Nur: Davon, insbesondere von einer Pflicht längerer Berufstätigkeit und anschließendem bürgerschaftlichen Engagement, ist in dieser Schrift nirgendwo die Rede!

Nicht zuletzt weil die wenigsten Menschen sich die Mühe machen, dieses Papier der WHO zu lesen und zugegebenermaßen wegen der begrifflichen Mehrdeutigkeit dieses Ansatzes insbesondere in der englischen Version, erwarten Viele nun von den Alten, dass sie sich intensiv dem bürgerschaftlichem Engagement widmen. So fand Ende 2011 eine vom Bundesfamilienministerium finanzierte Tagung namens Aktives Altern in Europa –Bürgerschaftliches Engagement älterer Menschen mit dem Ziel statt, sich über »die Möglichkeiten zur Förderung des Bürgerschaftlichen Engagements älterer Menschen« auszutauschen. Im Tagungsbericht ist zu lesen: »Eine Eurobarometer Studie aus dem Jahr 2008 zeigt, dass 73 Prozent der befragten älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Europa sich bürgerschaftlich engagieren wollen, jedoch nur 44 Prozent der Rentnerinnen und Rentner dies de facto tun. Laut Christoph Linzbach sei es eine gemeinsame Herausforderung aller EU-Mitgliedsstaaten, die Rahmenbedingungen für das Bürgerschaftliche Engagement so zu gestalten, dass die vorhandenen Potenziale auch eingebracht werden könnten… Es gebe ein Bewusstsein dafür, dass die gewonnene Lebenszeit eine kostbare Ressource ist, die ältere Menschen beispielsweise in Form des Freiwilligenengagements nutzen wollen.« [ii]

»Freiwilligenengagement nutzen wollen« – oder demnächst müssen? Wenn dieser Schuss mal nicht nach hinten losgeht … Für die Alten jedenfalls ein Warnzeichen, um dagegen zu wirken. Wir sind überzeugt, dass die genannte Studie korrekt ist, laut der drei Viertel der Senioren an bürgerschaftlichem Engagement interessiert sind. Allerdings: ehrenamtliche Tätigkeit muss für alle Altersgruppen weiter freiwillig sein, aber auch den jeweiligen Möglichkeiten und Interessen entsprechen.

Wir denken, wir müssen darüber reden. Lassen Sie uns auch über dieses Thema diskutieren!

 

[i] Papier der Weltgesundheitsorganisation WHO in der deutschen Fassung: Aktiv Altern. Rahmenbedingungen und Vorschläge für politisches Handeln.

[ii] Tagungsbericht Aktives Altern in Europa. Expertentreffen zum Austausch über innovative Generationen und Seniorenpolitiken, Berlin, 28. November 2011.

Please follow and like us:
Follow by Email1
Facebook0
Facebook
Twitter473
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Alter - ein dehnbarer Begriff, Blog veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.