Altentötung

In verschiedenen Kulturkreisen und Gesellschaftsstrukturen der Naturvölker finden wir den Brauch der Altentötung, den Senizid. Er reicht vom Lebendbegraben, Verhungernlassen, Erwürgen oder Erschlagen bis hin zum rituellen Verspeisen. Auch das Aussetzen und der Altenselbstmord waren weit verbreitet. Bei diesen Völkern waren Rentner nicht vorgesehen.

  • Während sich der Sage nach »lebensmüde« Hyperboreer nach einem üppigen letzten Mahl fröhlich und mit Kränzen geschmückt von der Klippe stürzten, sollen bei den am Roten Meer beheimateten Volk der Troglodyten Alte und Schwache mit einem Ochsenschwanz erwürgt worden sein.
  • Für das iranische Reitervolk der Massageten war es, wie der griechische Geschichtsschreiber Herodot beschreibt, üblich, im Alter von ihren Angehörigen getötet und regelrecht »wiederverwertet«, nämlich zu einem schmackhaften Mahl zubereitet und verspeist zu werden.
  • Die kaukasischen Kaspier setzten ihren Alten eine Grenze bis zum 70. Lebensjahr, um sie dann verhungern zu lassen.
  • Die Baktrer aus dem Hindukusch-Gebirge sollen »Totengräber« gehalten haben – große Hunde, die schwach und hilflos gewordene Personen zum Fraß vorgeworfen bekamen.
  • Neben etlichen Indianerstämmen setzten ferner die Lappen ihre bis dahin gut betreuten Alten aus, wenn sie ernstlich erkrankten.
  • Auf Samoa im Südpazifik hatten die Alten, bis weit in das 19. Jahrhundert hinein, die Pflicht, sich lebendig begraben zu lassen, sobald sie sich krank und hinfällig fühlten. Auf Tahiti wurden die 60-Jährigen mit einem Blumenkranz geschmückt, der die Aufforderung darstellte, sich im Ozean zu ertränken.
  • In der Ukraine setzte man die Alten auf einen Schlitten und stieß sie von einem Berg.

Aus: Die Alten 3.0 von Roger Harrison und Roswitha Casimir. Weitere Informationen unter http://die-alten.jimdo.com/

Es gibt noch weitere Beispiele: In der Arbeit Altgermanische Religionsgeschichte von Jan de Vries wird ebenfalls über die Sitte der Greisentötung berichtet. Es heißt dort:

Die Berichte aus späterer Zeit setzen die Anschauung voraus, daß es sich nur um besondere Maßnahmen handele, wodurch man sich die erwerbsunfähigen Sippengenossen in Zeiten der Mißernte und Hungersnot vom Halse geschafft hat; ökonomische Motive haben ja öfters die Erklärung für des religiösen Sinnes beraubte Bräuche hergeben müssen. Auch die Greisentötung war ursprünglich von Glaubensvorstellungen bedingt; sie wurde von dem Opfer selbst als notwendig und wünschenswert betrachtet.

Die Gebrüder Grimm haben als Sprach- und Literaturwissenschaftler nicht nur Märchen geschrieben, Jacob Grimm gilt als Begründer der deutschen Philologie und Altertumswissenschaft. In seiner Arbeit Deutsche Rechtsaltertümer befasst er sich mit mittelalterlicher Rechtspraxis, Rechtsanschauung und Rechtssymbolik. Das Kapitel Alte Leute beginnt er mit der Feststellung:

Dem heidenthum schien das leben nichts ohne gesundheit des leibs und vollen gebrauch aller glieder; darum galt es für recht, schwächliche kinder auszusetzen, unheilbare kranke durch den tod ihrer qual zu erledigen und aus diesem grundsatz folgte auch eine geringschätzung des gebrechlichen alters … Es galt für erwünscht, im bewußtsein letzter kraft, ehe siechthum nahte, zu sterben, wie wir den krieger preisen, welchen der tod auf dem schlachtfeld, ohne unmännliche krankheit, dahin rafft.

Grimm führte unter anderem auch die bereits erwähnte Sage von Gauti, König von Gautland an, ferner die Tötungen bei den Herulern, den Bericht von Festus über das Töten alter Römer sowie das Geschehnis im Wendland, bei dem die Gräfin von Mansfeld versucht, das Leben eines Greises zu verlängern. Er zeigt an weiteren Beispielen, wie verbreitet das Töten alter Eltern gewesen ist. Danach wurden die Alten nicht nur erschlagen oder in Abgründe gestürzt, sondern auch ertränkt, lebendig begraben, geschlachtet und gegessen.

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