Alterslob und Altersschelte, Altersklage und Alterstrost

Lust auf einen kleinen Exkurs in die griechische Philosophie?

Die Philosophen der Antike lassen sich grob in verschiedene Gruppen einteilen: Diejenigen, die vor Sokrates gewirkt haben, bezeichnet man als die Vorsokratiker (etwa 600 bis 400 v. Chr.).  Mit Sokrates beginnt die Griechische Klassik (etwa 500 bis 300 v. Chr.). Zu dieser Zeit war Athen das geistige Zentrum Griechenlands, Sokrates‘ Schüler Platon und dessen Schüler Aristoteles wurden zu zwei der wichtigsten und bis heute einflussreichsten Philosophen. Auf die Klassik folgte die Philosophie der hellenistischen Zeit, auf diese die Philosophie der Spätantike.

Als Grundproblem des Menschen wird das Alter seit der griechischen Antike in der Philosophie, Kunst und Literatur diskutiert. Dabei haben sich vier unterschiedliche Diskursstrategien herausgebildet, die zwischen Verklärung und der weitaus häufiger auftretenden Klage über den körperlichen und geistigen Verfall schwanken:  Alterslob und Altersschelte, Altersklage und Alterstrost.

Alterslob

Das antike Alterslob betont den Erfahrungsschatz und die daraus entstehende gesellschaftliche Autorität der Alten. Gelobt werden die Fähigkeit zum erinnernden Überblick und die Bereitschaft, sich in den Dienst der Bewahrung altbewährter Traditionen zu stellen. Der Fleischeslust zu entsagen und tugendhaft zu leben, garantiere die Freiheit der Seele. Exemplarisch für das Alterslob steht der 45/44 v. Chr. entstandene Text Cato der Ältere über das Alter des römischen Politikers und Philosophen Marcus Tullius Cicero (106–43 v.Chr.). Das Werk steht gleichzeitig für den Alterstrost, da er alle Vorwürfe, die man dem Alter gegenüber erhebt, zu widerlegen weiß.

Für das Alterslob steht daneben Platon (428–347 v.Chr.) , besonders mit seinem Text Nomoi. Die Alten, sagt er, sind erfahren, tugendsam, ehrwürdig und weise. Sie sind die idealen Hüter der Gesetze und die natürlichen Oberhäupter der Staaten. Daher fordert er für die Bekleidung wichtiger politischer Ämter ein Mindestalter von 50 Jahren, fixiert allerdings gleichzeitig ein für die einzelnen Ämter unterschiedliches Höchstalter, was das Wissen des Philosophen um die potentiellen Vorzüge wie die unausweichlichen Defizite des höheren Lebensalters unterstreicht.
Altersschelte

Aristoteles (384–322 v. Chr.), ein Schüler Platons, setzt einen deutlichen Kontrapunkt zu den Ansichten Platons. Seine Rhetorik ist mit der Altersschelte verknüpft. Für den wohl vielseitigsten und produktivsten Philosophen der Antike bildet das mittlere Lebensalter das Ideal, während er die Altersgruppen der Jugend und des Greisenalters mit spezifischen Nachteilen behaftet sieht. Wo Platon die geistigen Qualitäten des Alters gegenüber den nachlassenden, nachrangigen physischen Gegebenheiten betont, sieht Aristoteles das Greisenalter von körperlichen Nachteilen dominiert und beklagt gleichzeitig charakterliche Schwächen: »Alte sehen schlecht, ihnen fallen die Zähne aus, sie zittern. Mehr noch, ihr Wesen und ihre Stimmungen entsprechen diesen physischen Defiziten: Alte sind meist schlecht gelaunt, sie sind argwöhnisch und mutlos, kleinherzig und knickerig, egoistisch und schamlos.« (1) Außerdem beurteilt Aristoteles die Alten als bösartig, misstrauisch, ängstlich, feige und geschwätzig.

Altersklage

Die Altersklage beschreibt das Alter als scharfen Verlust und bitteren Verfallsprozess und betont die Vergänglichkeit und Vergeblichkeit. So im klassischen Text des Lyrikers Mimnermos (um 600 v. Chr.) : »Wenn einmal das schmerzliche Alter da ist, das den Menschen hässlich und unnütz macht, so verlassen die bösen Sorgen sein Herz nicht mehr, und die Strahlen der Sonne spenden ihm keinen Trost. Er ist den Kindern widerwärtig, und die Frauen verachten ihn. So ist uns das Alter von Zeus gegeben, voller Leid.«
Für die Altersklage, in der der körperliche und geistige Verfall beschrieben wird, steht der altgriechische Lyriker Anakreon (575–495 v. Chr.). Er beklagt den Verlust der Lebensfreude, die beginnende Gebrechlichkeit und die Angst vor dem Tod.

Alterstrost

Der Alterstrost ist das Echo der Altersklage und vermittelt Hoffnung und Erleichterung. Als klassischer Alterstrost gilt das bereits unter Alterslob erwähnte Werk Ciceros Cato der Ältere über das Alter.
Cicero sieht den Trost in der Versicherung, dass alle Probleme des Alters weniger auf das Alter selbst als auf den Charakter und die persönliche Einstellung der Betroffenen zurückzuführen sind, aus diesem Grund der Alternde selbst nicht machtlos dagegen sei. Defizite und Verluste des Alterns seien nicht unumgänglich. Die Beschwerlichkeit des Alters solle Anlass sein, persönliche Fähigkeiten zu entwickeln, um die Probleme zu meistern – Kenntnisse, die ohnehin für alle Lebensalter wichtig seien.

gekürzt aus: Alter 3.0

(1) aus: Hartwin Brandt: Wird auch silbern mein Haar: Eine Geschichte des Alters in der Antike. C.H.Beck, 2002.

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