Das Jammerholz von Grabow

Nicht nur die rituelle Altentötung ist geschichtlich vielfach nachgewiesen, sondern ebenso die systematische Vernachlässigung und den durch sozialen Druck erzwungenen Selbstmord von Alten.  So wird in der von Karl Hennings 1906 herausgegebenen Sammlung Sagen und Erzählungen, Volkskunde und Kulturgeschichtliches aus dem hannoverschen Wendlande unter der Überschrift »Das Jammerholz von Grabow« eine auch von anderen Quellen berichtete Begebenheit mit der Gräfin Mansfeld geschildert und dem Jahr 1297 zugeschrieben:

»Die uralte Barbarei, nach welcher die alten Eltern von den Kindern umgebracht, und die zur Arbeit untauglichen Greise sich zu tödten genötigt wurden, übte zu dieser Zeit einer der wendischen Bauern, welcher in harter Leibeigenschaft kaum das tägliche Brot durch Arbeit und Schweiss erwerben (konnte). Die Gemahlin des Grafen von Mansfeld … sah sie einen steinalten Greis mit gebundenen Händen flehend bitten, man solle doch seines Lebens schonen. Daneben sah sie einen Mann, der eine Grube grub. Sie fragte ihn, was er da mache. Jener, der nichts Unerlaubtes vor zu haben glaubte, sagte unbedenklich, daß er seinen zur Arbeit unfähigen und unnützen Vater begraben wolle, da er sein Brot nicht mehr verdienen könne. Sie schalt ihn als gottvergessenen Mann. … Er sagte darauf seufzend: ›Herrin, ich kann nicht meinen Kindern … das Brot wegnehmen und dem unnützen Alten geben; alle jedoch zu ernähren, vermag ich nicht; was soll ich tun?‹ Die Gräfin nahm hierauf einige Thaler und gab sie dem Sohn, auf dass er den Vater leben lasse, und er versprach des Vaters zu schonen, so lange die Thaler ausreichen würden«.
Der Greis erhob Einspruch und veranlasste seinen Sohn, der Gräfin das Geld zurück zu geben. Er fühlte sich an seine alten Götter gebunden, und ihnen geopfert zu werden, galt als rühmlich. Sein Sohn bereitete die Tötung mit den Worten vor: »Mache dich bereit, Vater, heimzugehen zum Dienste der Götter, die dich rufen!«

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