Depression und andere psychischen Erkrankungen

Auch ältere Menschen können an psychischen Erkrankungen leiden, die mit Verhaltensänderungen einhergehen. Die häufigsten sind depressive Syndrome, doch auch reaktive Störungen, Psychosomatosen, Ängste und Neurosen treten bei Älteren nicht so selten auf, wie man vielleicht glauben mag. »Missmut, Pessimismus und Antriebslosigkeit sind keine normalen Folgen des Alters, sondern meistens Zeichen für eine Depression«, sagt der Heidelberger Facharzt für Neurologie und Psychiatrie Karl C. Mayer, der darauf aufmerksam macht, dass es selbst für Fachleute nicht immer leicht ist, Demenz im Anfangsstadium von einer Depression zu unterscheiden[i], wenn die Patienten sich verschließen und nicht mitarbeiten.

Die Depression ist eine die Gefühlswelt betreffende Störung, bei der die Stimmung eines Menschen von Freudlosigkeit, Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit dominiert wird. Anders als bei jüngeren Menschen sind im Alter diese Hauptsymptome anfänglich oft von körperlichen Beschwerden, teilweise psychosomatischer Natur, Leistungsschwäche, Vergesslichkeit oder Schlafstörungen überlagert, dazu kommen oft unspezifische Symptome wie Kopf- und Rückenschmerzen, Schwindelanfälle oder Magen-Darm-Beschwerden. Die typische Stimmungsveränderung erfolgt schleichend im Hintergrund, und die Menschen können aus Verzweiflung aggressiv reagieren.

Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, eine Depression zu entwickeln. Während in der gesamten Bevölkerung durchschnittlich 5 Prozent an einer Depression erkrankt sind, leiden bis zu 20 Prozent an einer Altersdepression. Bei Bewohnern von Senioren- oder Pflegeheimen steigt der Anteil auf 30 bis 40 Prozent. Allerdings merkt das Robert-Koch-Institut an, dass »depressive Störungen im höheren Alter (bei über 65-Jährigen) als unzureichend untersucht« gelten.

Wenn der Partner eines älteren Menschen stirbt oder sie in ein Pflegeheim müssen, sehen sie möglicherweise keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Die Angst vor Einsamkeit, Hilflosigkeit, Pflegebedürftigkeit sowie finanzielle Schwierigkeiten sind dominante Gründe für eine Altersdepression.

Im Übrigen ist längst bewiesen, dass die Depression mitnichten »Frauensache« ist, wie lange geglaubt wurde. Sie tritt vielmehr bei Männern ähnlich häufig auf. Als der als Jahrhunderttalent geltende Fußballspieler Sebastian Deisler[ii] 2007 in der Öffentlichkeit davon sprach, dass sein vorzeitiges Karriereende wegen schwerer Depression erfolgte, brach er ein Tabu und half damit, das Verständnis für die Erkrankung in der Öffentlichkeit zu fördern. Männern fällt es nach wie vor schwer, Schwäche, Hilflosigkeit und Überforderung einzugestehen. Dies mag für ältere Männer sogar noch eher gelten als für jüngere. Ältere haben eine höhere Scheu, sich dem Arzt oder den Angehörigen anzuvertrauen, sei es aus Angst, stigmatisiert oder für verrückt erklärt zu werden oder weil sie glauben, sich »zusammenreißen« zu müssen. Sie sind besonders gut in der Lage, eine Altersdepression zu kaschieren, beispielsweise mit Rückzug und ablehnendem, aggressiven Verhalten.

[i] Dieser Verdacht besteht beispielsweise bei Gunter Sachs, der sich 2011 das Leben nahm, weil er selbst eine Demenz diagnostizierte, die aber nicht nachgewiesen wurde.

[ii] Der Journalist Rosentritt hat eine 2009 erschienene Biografie geschrieben: Michael Rosentritt: Sebastian Deisler. Zurück ins Leben – Die Geschichte eines Fußballspielers. Edel, 2009.

Dieser Beitrag entstammt dem Buch „Die Alten 3.0“ von Roswitha Casimir und Roger Harrison.

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