Geriatrie

Geriatrie  – was versteckt sich hinter dieser wissenschaftlichen Disziplin?

Die Geriatrie (griech. γέρων »alt« und ἰατρεία »Heilkunde«) steht für die Lehre von den Krankheiten des alternden Menschen, kurz Altersheilkunde. Als eine Teildisziplin der Medizin befasst sie sich mit den körperlichen, geistigen, funktionalen und sozialen Aspekten in der Versorgung akuter und chronischer Krankheiten im Alter, mit der Rehabilitation und Prävention alter Patienten sowie ihrer speziellen Situation am Lebensende.

Der Begriff der Geriatrie selbst – das mag Sie vielleicht überraschen – ist erst hundert Jahre alt. 1914 gilt als »Geburtsstunde« der Altersmedizin: Als der US-amerikanische Mediziner österreichischer Herkunft Ignatz Leo Nascher (1863–1944) im Jahr 1908 das für damalige Verhältnisse hochmoderne Versorgungsheim im Wiener Gemeindebezirk Lainz besuchte, fiel ihm die geringe Sterberate der Bewohner auf. Die Belegschaft erklärte Nascher, dass man die Bewohner so betreue, wie ein Kinderarzt seine kleinen Patienten. Nascher prägte daraufhin, in Anlehnung an die Bezeichnung Pädiatrie für Kinderheilkunde, den Begriff der Geriatrie für die Altersheilkunde. Er veröffentlichte 1914 das Lehrbuch »Geriatrics: The diseases of old age and their treatment« (Geriatrie: Die Krankheiten des Alters und ihre Behandlung).

1938 gründete der Internist Max Bürger in Leipzig die »Deutsche Gesellschaft für Altersforschung«, erst 1967 öffnete die erste Fachklinik Deutschlands für geriatrische Rehabilitation in Hofgeismar ihre Pforten.

Die Wurzeln der Kinderheilkunde reichen weit zurück, schon aus der Steinzeit sind typische Kinderkrankheiten und Behandlungsversuche überliefert. In altägyptischen Papyri sowie altindischen Schriften finden sich detaillierte Beschreibungen zur Säuglingspflege und magische Hilfsmittel, um Kinder gesund zu erhalten. Nicht so die Altersheilkunde. Sie wurde vielmehr bis vor einhundert Jahren als Teilgebiet der psychiatrischen Versorgung verstanden, und die medizinische Behandlung beschränkte sich auf eine Art »Lebensabschnittsmedizin« der alten Patienten. Für dieses verschwommene Bild stehen sowohl C. W. Hufelands Werk Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern als auch Joachim Schwalbes Lehrbuch der Greisenkrankheiten.

Der Nationalsozialismus des Dritten Reichs mit seinem Jugendwahn und seiner Angst vor einer »Vergreisung des deutschen Volkskörpers« stempelte die alten Menschen zu »nutzlosen Volksgenossen«[i] ab, sobald sie nicht mehr arbeiten konnten. Dementsprechend wurde von der Altersmedizin ein Perspektivwechsel verlangt, nach dem sie keine Verlängerung der Gesamtlebenszeit, sondern vielmehr der produktiven Lebensarbeitszeit anzustreben hatte.

»Der Schwächliche ist nicht dazu da, geschont zu werden … Ist es nicht ein Gewinn für alle, wenn Sieche, die oft unter unsäglichen Leiden ihre letzten Lebensmonate verbringen müssen, bei einem letzten Versuch, ihr Lebensschicksal zu wenden, etwas vorzeitig zugrunde gehen? … Der Invalidisierte … ist auf Leistungsfähigkeit und Gesundheit zu trainieren, auch wenn dadurch der ungünstige Ausgang seiner Krankheit beschleunigt werden sollte. Mit anderen Worten: … entweder Leistungsfähigkeit oder natürliche Ausmerze.«[ii] Diese verstörende Ansicht des Mediziners Karl Kötschau (1892–1982) von 1938 war nicht etwa eine bedauerliche Minderheitsmeinung, sondern nach dem Historiker Benjamin Möckel (›Nutzlose Volksgenossen‹? Der Arbeitseinsatz alter Menschen im Nationalsozialismus[iii]) Standardtopos des gesamten medizinischen Altersdiskurses.

So äußerte der Neurologe Hermann Hoffmann (1891–1944) in einer Rede von 1937: »Selbst ein defekter, geschädigter, in seiner Kraft beschränkter Organismus kann noch Leistungen vollbringen und muss sich nicht in jedem Fall wertlos und überflüssig fühlen. Ja, er hat dazu, streng genommen, nicht einmal das Recht. Wir sind nicht nur eine Volksgemeinschaft, sondern auch … eine Leistungsgemeinschaft, in der jeder Mensch an Arbeitskraft das hergeben muss, was in ihm ist. «[iv]

Weitere Beispiele ähnlich entlarvender und oft schockierender Aussagen hat Möckel in seiner Arbeit von 2010 zusammen getragen. Er erschloss damit ein Themenfeld, das in der Forschung zum Nationalsozialismus zuvor nur eine untergeordnete Rolle spielte. Während die NS-Propaganda die Gruppe der alten Menschen als selbstverständlichen Teil einer generationenübergreifenden »Volksgemeinschaft« zu inszenieren vermochte, wurden alte Menschen in Sozialpolitik und Medizin des Dritten Reichs in ihren Interessen systematisch vernachlässigt, ja in ihrem Leben bedroht. Die sozialutopischen Pläne des Nationalsozialismus verfolgten das Ziel, alle Menschen möglichst weit über das Rentenalter hinaus arbeitsfähig zu erhalten – im besten Fall bis kurz vor ihrem Tod. Im Fall einer dauernden Arbeitsunfähigkeit unterlagen alle – junge, wie alte Menschen – dem Risiko, als »lebensunwert« eingestuft und Opfer der »wilden Euthanasie« zu werden.

Natürlich hat sich im Selbstverständnis der Geriatrie zwischenzeitlich enorm viel getan, doch im Vergleich zu anderen medizinischen Forschungsfeldern handelt es sich um ein Fach, das nur sehr langsam an Attraktivität gewinnt. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass bis heute die Geriatrie an vergleichsweise wenigen deutschen Universitäten als Lehrstuhl oder eigene Fakultät vertreten ist.

 

[i] Otto Helmut: Volk in Gefahr. Der Geburtenrückgang und seine Folgen für Deutschlands Zukunft. 1934.

[ii] Karl Kötschau: Der Einfluss des Christentums auf Stellung und Einstellung des Kranken. 1938.

[iii] Benjamin Möckel: »Nutzlose Volksgenossen»? Logos, 2010.

[iv] Hermann Fritz Hoffmann: Das ärztliche Weltbild. 1937.

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