Gerontologie

Dass wir fälschlicherweise von Gerontologie sprechen, wenn wir die Wissenschaft vom Alter meinen, haben wir im Artikel Gerontologie – oder Geratologie bereits besprochen.

Die Gerontologie beschäftigt sich mit Alterungsvorgängen in all ihren Aspekten – psychischen, sozialen, wirtschaftlichen, politischen sowie gesellschaftlichen – und ist damit um eine interdisziplinäre Behandlung des Alters bemüht.

Den Begriff der Gerontologie prägte schon vor 300 Jahren der Jurist Theodosius Schöpffer, er ist also viel älter als der Begriff der Geriatrie, hat jedoch nur wenig mehr wissenschaftliche Tradition vorzuweisen. 1705 erschien Schöpffers bald in Vergessenheit geratene Schrift Gerontologia seu Tractatus de jure senum (Gerontologie oder Traktat über das Recht der Älteren). Die systematische wissenschaftliche Beschäftigung mit Fragen des Alter(n)s hatte im deutschsprachigen Raum erst in den 1930er Jahren ihren Ursprung, wobei die Bezeichnung zunächst für die medizinische Altersforschung reklamiert wurde. Nachdem der Mediziner Max Bürger 1938 in Leipzig die Deutsche Gesellschaft für Alternsforschung ins Leben gerufen hatte, gründete er im selben Jahr mit dem Physiologen Emil Abderhalben die Zeitschrift für Altersforschung.

Im Nationalsozialismus und direkt nach dem Zweiten Weltkrieg bestand kaum Interesse an der Gerontologie. Das Forschungsinteresse der Nachkriegszeit konzentrierte sich auf heimat- und elternlos gewordene Kinder sowie die kriegs- und nachkriegsbedingten Belastungen der mittleren Generation. Institutionelle Strukturen einer Gerontologie existierten in den 1950er Jahren praktisch nicht.

1962 gründeten der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke und seine Frau Wilhelmine das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) in Köln. Anlass waren die als unzureichend empfundene Versorgung älterer Menschen und der Zustand der Heime mit ihrem Charakter als Verwahranstalten. 1966 wurde als Nachfolgeorganisation von Bürgers Gesellschaft für Alternsforschung die Deutsche Gesellschaft für Gerontologie gegründet und damit die Gerontologie als Wissenschaft in Deutschland dauerhaft etabliert. In den 1970er und 1980er Jahren kam es zu einer verstärkten Institutionalisierung der Alternsforschung, unter anderem durch Studiengänge in Kassel und Erlangen-Nürnberg sowie das 1972 erstmals erschienene Lehrbuch Psychologie des Alterns von Ursula Lehr, die an der Universität Heidelberg das Institut für Gerontologie aufbaute und als spätere Bundesfamilienministerin mit einer öffentlichkeitswirksamen Vermittlung wichtiger Forschungsergebnisse viel dazu beitrug, das bis dahin negativ geprägte Altersbild der Gesellschaft positiv zu beeinflussen.Anfang der 1980er Jahre kamen die Alternsforscher Paul B. und Margret M. Baltes nach langjähriger Forschungstätigkeit in den USA nach Berlin, wo sie unter anderem die Berliner Altersstudie (BASE) initiierten und die deutsche Gerontologie ebenfalls prägten.

Heute steht die Gerontologie als eigenständige interdisziplinäre Wissenschaft neben der Medizin, ähnlich wie dies vor 300 Jahren beabsichtigt war. Sie widmet sich dem menschlichen Altern in all seinen Facetten einschließlich des damit einhergehenden gesellschaftlichen Wandels. Bis heute fehlt der jungen Wissenschaft der Gerontologie, natürlich auch wegen der Vielschichtigkeit und Fülle der Zugänge zum Themengebiet, indes eine einheitliche, allgemein akzeptierte Definition.

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