Seniorenauto?

„Gas geben und Spaß haben“, titelte die Süddeutsche Zeitung kürzlich – das sei heute das Credo der Ruheständler. 40 Prozent der über 60-jährigen Bundesbürger sind mit einem Auto der gehobenen Preisklasse unterwegs und 60 Prozent der Neuwagenkäufer sind über 55 Jahre alt. Aber die Bezeichnung „Seniorenauto“ oder ähnliches ist tabu. Die teuren, gut ausgestatteten Limousinen, SUVs und Sportwagen sollen nicht das tatsächliche, sondern das empfundene Alter widerspiegeln, das heute oft 10 oder gar 20 Jahre unter dem körperlichen liegt. Deshalb sind jugendlich-sportliche Autos beliebt, zumindest die in Hochglanzanzprospekten und Fernsehspots so beworbenen.

Die wenigsten aktiven Senioren wollen ein Seniorenauto, das weiß angeblich jeder Experte in der Branche. In der Autowerbung taucht die Generation der konsumfreudigen und mobilen Alten genau deshalb kaum auf. Man huldigt dem Jugendkult, obwohl sich jüngere Menschen teure Neuwagen und ausgefallene Modelle nur in seltenen Fällen leisten können. Die Forever-Youngster, die dem Jugendkult huldigen und ihr Alter verleugnen, kaufen sich lieber ein auf eine quirlige Familie und den berühmten jugendlichen Herzensbrecher ausgerichteten „Schlitten“,  als sich in die Nähe des Klischee-Bilds vom immobilen Ruhestand gerückt zu sehen. Entsprechend ist das Alter der Kunden in der Kommunikation tabu: „Wir bauen und vertreiben keine Autos für bestimmte Altersgruppen“, heißt es bei den Autoherstellern unisono.

Wer den Jugendkult nicht mitmachen will oder wegen mittlerweile begrenzter Beweglichkeit, reduziertem Hörvermögen, eingeschränkter Sicht und anderen körperlichen Einschränkungen nicht mehr kann, der tut sich schwer, auf diesem Markt einen seniorentauglichen Wagen zu finden. Da bleibt es nur, nach Modellen mit großer Beinfreiheit, erhöhter Sitzposition und guter Rundumsicht zu fragen – und sich dabei nicht nur auf die hässlichen, aber gern empfohlenen Hochdachkombis beschränken zu lassen.

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