Seniorenwohnpark Am Heideweg

Um 2009/2010 genoss ein Wohnprojekt besonders hohe mediale Aufmerksamkeit: Deutschlands erstes Seniorendorf. Der Meppener Architekt Josef Wulf hatte eine Anlage geplant, „an dem ältere Menschen eigenständig und frei leben können und gleichzeitig die Gewissheit haben, bestens betreut zu werden“. Dieses Seniorendorf galt als eines der innovativsten Wohnprojekte in Deutschland. Experten wiesen dem „Ort der Alten“ eine hohe Signalwirkung für das gesamte Bundesgebiet zu. So kamen die Kauf- und Miet-Interessenten auch aus ganz Deutschland.

Dieses „Dorf der Alten“, als Neubausiedlung am Rande der Kleinstadt Meppens auf 20.000 Quadratmeter errichtet, umfasst 36 knapp 100 Quadratmeter große Bungalows auf jeweils 340 bis 610 Quadratmetern Grund. Ein von der Baufirma des Architekten schlüsselfertig erstelltes Wohnhaus kostete ca. 180.000 Euro. Wer in einen dieser Bungalows einziehen wollte, musste 60 Jahre oder älter sein. 34 Wohngebäude waren für die künftigen Bewohner gedacht, ein weiteres Wohnhaus für eine Quartiersmanagerin („Kümmerin“) und ein Gebäude als Gemeinschaftseinrichtung. Die Menschen sollten so lange wie möglich eigenständig und frei leben können und gleichzeitig die Gewissheit haben, bestens betreut zu werden. Dafür sollten die durchgehend ebenerdig angelegten rollstuhlgeeigneten und mit einem Notrufsystem ausgerüsteteten Wohnbereiche sorgen, die eine 24-stündige Betreuung über eine Betreuungsstation ermöglichten. Auch das gesamte Areal sollte barrierefrei und ohne Treppen oder Schwellen angelegt werden. Wer trotzdem Hilfe benötigt, sollte sich an die selbst im Dorf wohnende Kümmerin wenden können. Zu ihrem Aufgabenbereich sollten Gartenpflege, Büroarbeiten, Fahrdienst sowie allgemeine Hilfe bei der Bewältigung des Alltags gehören. Ein Gemeinschaftshaus sollte als Treffpunkt dienen und einen Kiosk beherbergen.

Wulf war sich sicher: So möchten die Senioren leben. 2009 zogen die ersten Bewohner ein, in der Regel Käufer, aber auch einige Mieter. 2012 waren alle Wohnhäuser verkauft.

Heute – Anfang 2015 – wohnen im „Seniorenwohnpark Am Heideweg“, wie die Anlage offiziell heißt, in 34 Bungalows 62 Menschen mit einem Durchschnittsalter von 68 Jahren. Das Haus der Kümmerin steht seit 2012 ebenso leer wie das Gemeinschaftshaus nie eingeweiht wurde. Aus der geplanten Erweiterung um weitere mindestens 40 Häuser wurde nichts.

Um 2012 wurden die ersten Probleme öffentlich. Konnte man bis dahin nur positive, ja geradezu euphorische Artikel aus dem „Dorf der zufriedenen Alten“ lesen, gab es auch Kritik. Bremens Ex-Bürgermeister Henning Scherf, der in einer Hausgemeinschaft lebt, meinte: „Das Trennen der Generationen ist nicht von Vorteil.“ Und fand Altenheime und Seniorendörfer „so was von gestrig“. Bedenken kamen auch aus der Wissenschaft. Horst Becker von der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig kritisierte, Ältere würden in ihrem „Sonderleben“ eingeschlossen. Die Soziologin und Altersexpertin Silke von Dyk erinnerte das Meppener Rentnerdorf an die „Sun Citys“ in Florida und Arizona, die sich „im Niedergang“ befänden.

Tatsächlich war für Wulf das 1960 gegründete „Sun City“ in der Wüste des US-Bundesstaates Arizona mit heute mehr als 40.000 Einwohner in gewisser Weise Vorbild. Er wollte es aber besser machen, denn er fand diese Anlagen „zu groß und zu gettoartig“. Später, das war sein Traum, wollte sich auch Architekt Wulf im Seniorendorf niederlassen. Ein Grundstück hatte er schon reserviert. Inzwischen hat er es sich doch anders überlegt. „Ich wäre ständig Ansprechpartner für alles“, sagte er in einem TAZ-Interview von Oktober 2012, in dem erste Probleme noch eher verniedlicht wurden. „Ich selbst würde meinen Ruhestand am Heideweg nicht genießen können. Senioren sind nun mal keine Engel. Ganz konfliktfrei wohnt es sich auch am Heideweg nicht.“

In Wirklichkeit rumorte es aber bereits ganz gewaltig hinter den Kulissen. Es gab Auseinandersetzungen sowohl der 34 Hausbesitzer untereinander als auch mit der Kümmerin, die nach Ansicht einiger Bewohner ihre Arbeitszeit nicht auf alle Bewohner gerecht verteilt habe. Die Quartiersmanagerin zog die Konsequenzen, kündigte und verließ das Seniorendorf. Auch zwischen den Senioren und dem Architekten und Gründer des Seniorenparks begannen teilweise gerichtliche Auseinandersetzungen wegen vorgeblicher oder tatsächlicher Bau- und Einrichtungsmängel. So seien die Häuser nicht wie versprochen mit Notrufsystemen ausgestattet worden, bei den installierten Heizungsanlagen handele es sich um Billigprodukte und in der gesamten Anlage führe eine unzulängliche Regenwasserversickerung zu großen Problemen. Am problematischsten seien jedoch die fehlende Betreuung durch eine neue Kümmerin und die versprochene Einrichtung eines Betreuungsstützpunktes, des Gemeinschaftshauses und eines Kiosks.

Wulf wies diese Vorwürfe jedoch in der NWZ von Ende 2014 zurück: „Ein vom Gericht beauftragter Gutachter habe sogar festgestellt, dass es im Haus Tenbusch keine Mängel gibt. Er bestätigte, dass er „für 500000 Euro einen Betreuungsstützpunkt vor zwei Jahren auf eigene Kosten gebaut hat“, dieser aber leer stehe. Es sei jedoch an den Senioren, die laufenden Miet- und Unterhaltungskosten für die Räumlichkeiten zu zahlen. Er selbst sei anfangs in Vorleistung getreten und habe eine Kümmerin aus seinem Budget für 20000 Euro bezahlt. ‚Die Bewohner haben sie jedoch herausgeekelt und wollten auf eigene Kosten keine neue einstellen‘, sagte Wulf unserer Redaktion. Nach seiner Einschätzung sind die 34 Hausbesitzer inzwischen auch ‚untereinander spinnefeind‘. Mögliche Probleme mit dem Oberflächenwasser wies Wulf zurück. Vielmehr hätten Bewohner Gräben zugeschüttet und darauf Bäume gepflanzt.“

Der Vertreter der Meppener Seniorenvereinigung sagte: „Wir haben mehrfach versucht zu vermitteln, allerdings ohne Erfolg. Die Sache ist total verfahren“. Auch der Justiziar der Stadtverwaltung sprach von „50 Vermittlungsgesprächen“ und bestätigte „laufende betriebliche Probleme“.

Im November 2011 hatte Architekt Wulf in Bramsche eine Voranfrage gestellt, da er am Waldhotel Renzenbrink eine weitere Anlage mit Bungalows für etwa 70 Senioren errichten wollte. Im Juli 2012 zog die Betreiberin des Hotel die Bauvoranfrage zurück. Eine neue hat es seitdem nicht mehr gegeben.

Die Idee als solche aber scheint nicht gestorben. So entsteht seit 2013 in Baddeckenstedt eine ähnliche von Architekt Torsten Michelmann geplante Anlage mit 45 Häusern (Viva60).

Please follow and like us:
Follow by Email1
Facebook0
Facebook
Twitter473
Dieser Beitrag wurde unter Realisierte Projekte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.